50 sehr lange
Minuten
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Bewertung:
Es gibt Abende, an denen ein Stück weniger gespielt als ausgehalten wird – und das Publikum, ob es will oder nicht, Teil der Versuchsanordnung ist. Morton Feldmans For Samuel Beckett (1987) gehört zu diesen Werken: Musik, die sich nicht entwickelt, sondern verharrt, die nicht erzählt, sondern umkreist – und die gerade darin ihren Anspruch formuliert. Dass dieses Spätwerk anlässlich Feldmans 100. Geburtstags im Radialsystem von Ensemble KNM Berlin in großer Besetzung präsentiert wird, ist zunächst folgerichtig.
Aber schnell stellt sich – fast schmerzhaft deutlich – jene alte Ambivalenz ein, die neue Musik seit Jahrzehnten begleitet: Wie führt man ein Werk auf, das sich dem Ereignischarakter entzieht, ohne es in die falsche Dramaturgie zu zwingen? Feldmans Musik ist kein Drama, aber auch keine Tapete. Sie ist ein Zustand: „obsessiv“, sagt der Programmtext – geprägt von „Dichte und Klarheit“, von „Wiederholungen und Überlagerungen“. Das trifft zu. Nur: In der klassischen Konzertsituation kippt diese Obsession leicht in das, was man im Alltag Monotonie nennt.
Die Aufführung sitzt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – in einer Frontalsituation, die ein Erwartungsregime einfach mitliefert: Man nimmt Platz, schaut nach vorn, rechnet insgeheim mit Höhepunkten, Wendungen, einem „Bogen“. Feldman verweigert all das. Er arbeitet mit minimalen Verschiebungen, mit Farben, die sich wie Lichttemperaturen ändern, mit harmonischen Feldern, die weniger fortschreiten als flimmern. Dafür braucht es ein Publikum, das bereit ist, die eigene Ungeduld als Teil des Abends zu akzeptieren. Nur war an diesem Abend spürbar, wie schwer das fällt: Unruhe, Bewegungen, das häufige Neujustieren des Körpers – nicht als Störung, sondern als Symptom eines Formats, das Feldmans Zeitbegriff nur unzureichend auffängt.
Dabei liegt das Problem nicht im handwerklichen Zugriff. Im Gegenteil: Die große Besetzung ermöglicht jene fein abgestuften Mischfarben, die Feldman so einzigartig machen. Unter der musikalischen Leitung von Roland Kluttig wird das Material mit Sorgfalt balanciert, die Dynamik bleibt kontrolliert, die Übergänge sind präzise – genau das, was dieses fragile Gewebe braucht. Aber Präzision allein ist hier nicht die Lösung, sondern nur die Voraussetzung.
Denn Feldmans Stück trägt seine historische Aura mit sich – jene späten 1980er, in denen Minimalismus, Post-Minimalismus und die Ausweitung von Dauer noch eine Art ästhetischer Kampfansage waren. Heute, fast vier Jahrzehnte später, ist die Geste der Dauer längst in den kulturellen Mainstream eingesickert: Ambient-Ästhetik, meditative Playlists, Slow-TV. Die Provokation hat sich verschoben. Wo früher „Ausbruch“ war, droht heute „Wellness“ – und genau deshalb wirkt die klassische Bestuhlung wie eine unglückliche Rahmung: Sie zwingt ein Werk, das eher Raumzustand als Konzertnummer ist, in die Logik des Konzertabends.
Gerade hier wird die (im Programmtext zitierte) Pointe Marcel Duchamps – „Wiederholung ist Veränderung“ – plötzlich zweischneidig. Ja: Feldmans Wiederholungen sind nie identisch, sie sind minimal verschoben, leicht überlagert, anders instrumentiert. Aber diese Veränderungen sind so klein, dass sie im falschen Setting nicht als Ereignis, sondern als Abwesenheit von Ereignis ankommen. Dann bleiben – bei aller interpretatorischen Genauigkeit – vor allem 50 sehr lange Minuten.
Was wäre eine zeitgemäße Konsequenz? Vielleicht genau das, was sich aus dem Werk selbst ergibt: eine andere Körperlichkeit des Hörens. Eine Halle, Liegestühle, ein Setting, das das Stück nicht „aufwertet“, sondern ihm das gibt, was es braucht: ein Publikum, das nicht in Sitzdisziplin erstarrt, sondern sich der Dauer körperlich anvertrauen darf. Nicht als Eventisierung, sondern als ernst gemeinte Übersetzung. Denn Feldmans Musik ist nicht inhaltlos – sie ist nur dramaturgisch anders organisiert. Sie bietet weniger „Content“ als Bewusstseinsarbeit: Wer sich einlässt, erlebt Mikroveränderungen wie unter der Lupe. Wer das nicht kann (oder an diesem Abend nicht kann), erlebt Stillstand.
So bleibt am Ende ein leicht bitterer Eindruck: ein bedeutendes Werk, ein versiertes Ensemble, ein ehrlicher Anlass – und doch ein Format, das die Qualität der Musik nicht automatisch in ein gemeinsames Erlebnis übersetzt. Dass dies keine Kleinigkeit ist, zeigt sich daran, wie schnell „meditativ“ zum Etikett wird, hinter dem sich im Konzertsaal auch Ratlosigkeit verbergen kann.
Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieses Abends: Feldman ist nicht zu wenig, sondern zu konsequent – und verlangt, dass Veranstalter und Publikum diese Konsequenz nicht nur musikalisch, sondern auch räumlich, vom Kontext her mitdenken. Im zweiten Teil der Reihe, der im März 2026 in der Fahrbereitschaft Berlin fortgesetzt wird, könnte genau darin eine Chance liegen: nicht nur Musik für Persönlichkeiten, sondern ein Rahmen, der die Persönlichkeit des Hörens ernst nimmt.
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Das Ensemble KNM Berlin musizierte Morton Feldmans For Samuel Beckett am 21. Februar 2026 im Radialystem | Foto: Steffen Kühn
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Steffen Kühn - 22. Februar 2026 ID 15719
KNM CONTEMPORARIES (Radialsystem, 21.02.2026)
Morton Feldman: For Samuel Beckett (1987) für 23 Spieler*innen
Ensemble KNM Berlin:
Rebecca Lenton und Sascha Friedl, Flöten
Gudrun Reschke und Antje Thierbach, Oboe
Theo Nabicht und Ingólfur Vilhjálmsson, Klarinette
Hanno Koloska und Eckart Kummer, Fagott
Mathilde Conley und Nathan Plante, Trompete
Samuel Stoll und Michelle Perry, Horn
Johannes Lauer und Florian Juncker, Posaune
Robin Hayward, Tuba
Michael Weilacher, Schlagzeug
Joseph Houston, Klavier
Anna Steinkogler, Harfe
Theodor Flindell und Meike-Lu Schneider, Violine
Kirstin Maria Pientka, Viola
Cosima Gerhardt, Violoncello
Jonathan Heilbron, Kontrabass
Dirigent: Roland Kluttig
Weitere Infos siehe auch: https://kammerensemble.de/
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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